Juli30
Ein beinahe schon als sonnig zu bezeichnender Tag, ein Cappucino im Café und noch etwas Zeit vor der nächsten Verabredung: so kam es, dass ich gerade beim Schlendern durch meinen Heimatort im Buchladen hängengeblieben bin und ihn tatsächlich betreten habe. Dazu muss gesagt sein: ich bin ein wahrhaftiger Bücherwurm, ich liebe das Lesen, sehe dabei keine Buchstaben sondern nur das im Kopf, was sie Schwarz auf Weiß als Wörter aussagen.
In diesem Buchladen war ich trotzdem schon lange nicht mehr. Früher, als Kind, gab es dort fast wöchentlich ein neues Buch für mich von meiner Mutter, in der Zwischenzeit hat sich jedoch einiges verändert. Amazon hat beinahe jedes Buch sofort verfügbar und liefert es mir nach Hause - im Buchladen musste man früher bestellen und am nächsten Tag nochmal kommen, die Faulheit hat somit schließlich gesiegt. Seit einigen Jahren gesellt sich in die nähere Umgebung zudem ein großes Einkaufszentrum mit einer großen Filiale einer bekannten Buchhandelskette, sodass die Trefferquote für verfügbare Bücher auch dort höher lag - für Buchgeschenke bin ich inzwischen sogar auch dorthin gepilgert. Ich weiß deshalb eigentlich gar nicht so recht, warum ich nun diesen Buchladen betreten habe. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, für die freie Zeit im Sommer mehr zu Lesen, getan habe ich es bisher noch nicht. Einen konkreten Buchwunsch habe ich auch nicht im Kopf, mir ist einfach nach Stöbern. Drei bis vier Leute sind in dem Laden, eine Dame lässt sich gerade von der Inhaberin beraten. Jetzt weiß ich gleich noch einen Grund, warum ich hier so lang schon nicht mehr war - ich mag die Besitzerin nicht. Sie ist mir schlichtweg unsympathisch und hält sich für eine neue Elke Heidenreich, nur weil sie selbst so viele Bücher kennt. Dies mag ganz zufällig auch von Vorteil für ihren Beruf sein. Zumal ich sie erst vor ein paar Wochen in ihrem Laden besucht habe, sie saß allein in einem Sessel in ihrem Laden, hat gelesen - und wollte keine Anzeige in meiner Abiturzeitung schalten. Ein klares Negativerlebnis also nach der ohnehin schon vorhandenen Antipathie.
Besagte Buchhändlerin berät nun eine Dame in der Kinderbuchecke. Hier husche ich schnell vorbei, denn ein Stand mit Kochbüchern ist mir sofort ins Auge gefallen. Bunt und lecker sehen die Bilder auf den Buchdeckeln aus, leider ist es hier drin so dunkel und komisch aufgestellt, dass der übliche Appetit beim Anblick solcher Bücher sich nicht einstellen mag. Auf dem Tisch liegen Kante an Kante dünne Softcover-Ratgeber für verschiedene Kochgebiete, im Regal daneben verstecken sich unter Diätplanern Exemplare wie “Cookies & Cakes”. Das nenne ich mal durchdacht.
Die Kochbücher haben es mir also nicht angetan, ich ziehe weiter und lande bei den Taschenbüchern - einige, die schon vor drei Jahren in den Spiegel-Bestsellerlisten waren und inzwischen in jedem Bücherwurmregal stehen. Während ich also das Regal abgehe, bestellt eine Frau “Macht und Missbrauch”, offenbar ein Buch über Bayerns CSU-Übervater Franz Joseß Strauß und einige dubiose Finanzskandale. “Ja, das war letzte Woche im ‘Merkur’ gestanden, seitdem erleben wir hier einen wahren Run drauf!”, berichtet die Buchhändlerin strahlend und ich lasse den Blick nochmal durch den Laden schweifen: Run? Kann man von soetwas in dieser Größenordung überhaupt reden? In der Größe eines Wohnzimmers liegen hier Bücher rum, einige davon sicherlich schon seit Jahren ohne Interessenten. Aber bevor ich selber darüber nachdenke, warum ich in diesem Laden denn nun wirklich bin, wo ich ihn gar nicht mag, gucke ich weiter und entdecke Francis Scott Fitzgeralds Kurzgeschichte “Der seltsame Fall des Benjamin Button”. Wäre schon fast auf meiner Amazon-Wunschliste gelandet, kostet nur 5,90€ - ich kralle mir das Buch, klemme es unter meinen Arm und freue mich über diese Trophäe; ich habe hier drin tatsächlich etwas gefunden! Doch genau in diesem Moment fällt mir ein Buch ein, dass ich noch lesen wollte: “Föhnlage”, ein “Alpen-Krimi” von Jörg Maurer. Ich hatte einen Auszug unlängst auf einer Kulturveranstaltung in der Gemeinde gehört und war schlichtweg begeistert. Aber es lässt sich einfach nicht finden! Ich gehe die Regale ab und finde nichts. Enttäuschung macht sich breit. Meine Befürchtungen das Repertoire betreffend wurden wahr. Dennoch frage ich die ungeliebte Buchhändlerin nach dem Buch und diese meint sofort genervt: “Da drüben steht es doch!” und deutet auf das einzige Regal, das ich absolut übersehen habe. Sie muss mich gesehen haben, wie ich durch ihren Laden getigert bin, immerhin gehört er ihr. Und sie muss gesehen haben, dass ich dieses Regal genau ausgelassen habe, wenn auch unbewusst. Zerknirscht und glücklich gehe ich zu dem Regal, nehme mir “Föhnlage” und stelle Benjamin Button zurück. Kenne den Film eh schon, und ich lese stets nur ein Buch auf einmal.
Als ich den Laden verlasse, das Buch unter dem Arm, weiß ich endlich, warum ich ihn vor einer Viertelstunde betreten habe. Ich war in einem Wohnzimmer voller Bücher, die ich nicht nur angucken durfte, sondern die innerhalb von einer Minute mit ihn mein Zimmer kommen könnten. Ich habe gestöbert, in einem kleinen Bücherladen, in dem die Verkäuferin wenigstens weiß, wo sie selbst ihre Lieblinge hingeräumt hat. Und das können weder Hugendubel noch Amazon.